Bildung 4.0 – Der Kindergarten als Sprungbrett in eine akademische Karriere

Mit zunehmender Technologisierung verändern sich Anforderungen an die Menschen. Die Auswirkungen von Industrie 4.0 auf die Arbeitswelt haben wir dargestellt. Industrie 4.0: Die 4. industrielle Revolution. Revolution, ein grundlegender struktureller Wandel. Grundlegend, gleichzusetzen mit „ganz und gar“, „durch und durch“.

Die anstehenden Veränderungen in der Arbeitswelt scheinen nachvollziehbar, wir assoziieren Industrie 4.0 auf diese, wenn nicht sogar als sinnvoll. Wenn aber die mit der 4. industriellen Revolution einhergehenden Veränderungen so grundlegend sind, ist dann eine Fokussierung auf die Arbeitswelt möglicherweise kurzsichtig? Die Frage kann mit einem eindeutigen JA beantwortet werden.

„Fort- und Weiterbildung 4.0“, „Akademische Bildung 4.0“ stellen greifbare Begrifflichkeiten dar. Sie stehen in engem Bezug zu lebenslangem Lernen und sind leichter an Industrie 4.0 und die Arbeitswelt zu adaptieren. „Grundlegend“, so lässt die Wortdeutung vermuten, gibt sich hingegen nicht mit dem arbeitsweltlichen Kontext zufrieden. Die mit der Digitalisierung einhergehenden Veränderungen sind unweigerlich so weitreichend, dass sie alle Lebensbereiche verändern werden.

Nun fällt es zugegebenermaßen schwer, bspw. über „Kindergarten 4.0“ oder „Grundschule 4.0“ nachzudenken. Wir kommen aber nicht umhin.

Schritt halten mit, besser inmitten der 4. industriellen Revolution. Auch wenn vielen jungen Familien oder Alleinerziehenden Industrie 4.0 nicht vordergründig präsent ist, spüren sie aber die Veränderungen in der Arbeitswelt und realisieren, neben der reinen Notwendigkeit der Existenzsicherung, am Ball bleiben zu müssen. Dem trägt die Politik Rechnung, indem sie sich für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf einsetzt. Die Angebote von Kindergärten wurden ausgeweitet, das Mindestalter auf unter 3 Jahre heruntergesetzt, die Betreuungszeiten wurden auf bis zu 10 Stunden verlängert. Vollzeit berufstätig neben Familie – überhaupt kein Problem!

Gut so, denn wenn dem nicht so wäre, sänke auf Dauer die intellektuelle Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft und das würde auch Industrie 4.0 konterkarieren. Und, spinnen wir den Faden weiter, Industrie 4.0 wird Industrie 5.0, Industrie 6.0, Industrie 7.0, u.s.w. folgen. Es ist nachgewiesen, dass der Intelligenzquotient eines Menschen zu etwa 50% genetisch beeinflusst ist. Mit Blick auf die laufenden, anstehenden und abzusehenden technologischen Entwicklungen ist Deutschland auf intellektuelle Leistungsfähigkeit, auf hochqualifizierten, hochqualifizierbaren Nachwuchs angewiesen. Somit auch darauf, dass hochqualifizierte junge Menschen, die jetzt Industrie 4.0 mitgestalten, Familie und Beruf vernetzen können und dadurch auch die spätere Zukunft mitgestalten. Das beginnt im Kindergarten, für Kinder, die noch nicht einmal drei Jahre alt sind, über einen Zeitraum von täglich bis zu 10 Stunden. Der Frage, wer oder was auf der Strecke bleibt, widmen wir uns zu einem späteren Zeitpunkt. Soviel vorab: Zusammenfassend ist diese humangenetische Betrachtung durchaus streitbar.

Dennoch, und dies nur am Rande: Einer Studie von Allensbach zufolge ändert sich bei Kindern an der Schwelle vor bzw. nach dem fünften Lebensjahr das Nutzungsverhalten digitaler Medien gravierend. Also noch während der Kindergartenzeit!

Gehen wir einen Schritt weiter in der kindlichen Entwicklung und richten den Blick auf die Primarstufe, die „Grundschule 4.0“. Gerade in der Primarstufe ist es Aufgabe der Schule, die Kinder auf zukünftige Entwicklungen und Herausforderungen vorzubereiten. Ein richtiger Ansatz, wenn der Auftrag richtig verstanden und umgesetzt wird.

Der Primarstufe folgen die Sekundarstufen I und II. Von Beginn an geht es darum, wie es nach der Grundschule weitergeht. Das spiegelt die Realität. Mit Blick auf den Übergang in die Zweige des Sekundarbereiches I (Sonder-, Haupt-, Real-, Gesamtschule und Gymnasium) reduziert sich heutzutage die Grundschulzeit auf eine Lern- und Lehrzeit für die Selektion. Die Unterrichtsinhalte konzentrieren sich auf die Vermittlung abfragbaren Wissens. Wissensstandsabfragen bestimmen die für die Wissensaneignung vorgegebene Zeit. Ziel ist eine Empfehlung in einen möglichst hochqualifizierten Sekundarzweig, der den Weg für eine akademische Weiterbildung ebnet. Im Kontext greifen knallharte Kriterien die diejenigen selektieren, die nicht mithalten können. Dabei fällt der Schule eigentlich eine besondere Verantwortung zu, wenn Kinder in familiären Milieus aufwachsen, die wenig Lernanregung bieten oder wenig Lernunterstützung anbieten können. Diesen Kindern die erforderlichen Kompetenzen zu vermitteln, die sie für ihre Bildungslaufbahn und ein würdiges Leben benötigen, obliegt der Verantwortung der Schule. Theorie und Praxis: Studien und Sozialberichte belegen mangelnde Chancengleichheit in der Bildung, bereits in der Grundschule.

Die Förderung des hochqualifizierbaren Nachwuchses setzt sich also nahtlos fort. Wer auf der Strecke bleibt ist in diesem Fall klar.

„Schule 4.0 – jetzt wird’s digital“, so der Arbeitstitel des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Digitale Grundbildung soll bereits in der Primarstufe in den Lehrplänen verankert werden. Digitale Grundbildung impliziert praktische digitale Anwendung. Digitale Anwendung bedeutet Vernetzung, beispielsweise in Lernplattformen. „Damit Schulen im digitalen Zeitalter ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag erfüllen und Schülerinnen und Schüler auf das Leben gut vorbereiten können, brauchen Schulen gut ausgebildete Lehrkräfte, geeignete pädagogische Konzepte sowie eine leistungsfähige digitale Infrastruktur, so das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Über die künftige Form von Haus-, Gruppen- oder Klassenarbeiten muss an dieser Stelle nicht weiter nachgedacht werden, vielmehr darüber, dass leistungsfähige digitale Infrastruktur nicht am Schulhoftor endet. Vernetzung bezieht unweigerlich auch das zu Hause ein. Wer da nicht mithalten kann, fällt durch das VerNetzung.

Die Digitalisierung ist in vollem Gang und sie schreitet mit großen Schritten weiter voran, da gibt es kein Vertun. Dem können sich auch frühkindliche pädagogische Konzepte nicht verschließen. Aber alles zu seiner Zeit und das mit höchstem Verantwortungsbewusstsein. Gerade im frühen Kindesalter nehmen Beziehungsarbeit und soziale Kompetenzen und Strukturen einen deutlich höheren Stellenwert ein als digitale bzw. Informatikkompetenzen. Und darüber hinaus ist es gerade in dieser Entwicklungsphase von immenser Bedeutung, die individuellen Fähigkeiten und Kompetenzen eines jeden Einzelnen zu erkennen und zu fördern. Der Rest ergibt sich auf einem gut gegossenen Fundament von alleine. Hüten müssen wir uns davor, bereits in dieser frühkindlichen Entwicklungsphase Eliten herauszubilden, die hochqualifizierbar sind, die für die Weiterentwicklung der Digitalisierung Sorge tragen.

Mit der Sekundarstufe ist die Zeit hingegen reif, die Digitalisierung als zukunftsweisende Entwicklung in den Schul- und Lebensalltag der Schülerinnen und Schüler zu implementieren. Neben der reinen Wissensvermittlung nahm in der Sekundarstufe die Vorbereitung auf einen weiteren akademischen Bildungsweg einen hohen Stellenwert ein. Zumindest in den höheren Sekundarstufen. Mittlerweile muss dem Aspekt der Vorbereitung auf das Künftige in allen Sekundarstufen höhere Beachtung geschenkt werden. Das wird am Beispiel des Handwerks deutlich, dem es sich einen eigenen Beitrag zu widmen lohnt.

Bleiben wir aber vorab auf dem akademischen Bildungsweg. Angekommen in der Kaderschmiede für eine erfolgreiche Umsetzung der 4. industriellen Revolution?! Industrie 4.0 braucht Bildung 4.0.

Was recht simpel klingt, stellt die Hochschulen tatsächlich vor große Herausforderungen. Die mit der 4. industriellen Revolution einhergehenden Veränderungen sind in den Hochschulen angekommen. Auch angekommen ist, dass die akademische Bildung auf die Version 4.0 upgegraded werden muss. Die Frage ist, ob es mit einem digitalen Bildungsportfolio getan ist. Elearning, digitale Lernplattformen, Webinare, etc., zukunftsorientierte Angebote, die akademische Bildung für breitere Zielgruppen zugänglicher machen und auch ein Studium neben dem Beruf ermöglichen, was eine gute und richtige Entwicklung ist aber nicht auf Industrie 4.0 vorbereitet. Den Blick auf die Infrastruktur zu richten ist wichtig, aber nicht das A&O. Der Fokus muss auf die Inhalte gerichtet werden, was ein anderes Verständnis und Umdenken bedeutet.

Hochschulen müssen für richtungsweisende Bildungsangebote mit den Erwartungen und Wertschöpfungsprozessen der Studierenden auseinandersetzen, womit die Brücke zu Industrie 4.0 geschlagen ist. In Wertschöpfungsprozessen denken bedeutet, die Studierenden zunehmend zu beteiligen, wozu eine Digitalisierung der Wissensvermittlung/ des Wissenserwerbs unabdingbar ist. Interaktive Wertschöpfung in der Hochschulbildung und damit Angebot und Nachfrage gewinnen an Stellenwert. Diese Angebots- und Nachfragesituation bezieht nicht nur die Studierenden und die Hochschulen ein, vielmehr alle in den Wertschöpfungsprozess integrierten Parteien. Die Einbindung externer Akteure zeichnet den Umbau der auf Industrie 4.0 ausgerichteten Bildungsangebote bzw. Wertschöpfungsprozesse aus.

Für „Studierende 4.0“ als auch „Dienstleister 4.0“ wird der Wert der Bildungsangebote künftig noch deutlicher an der Befriedigung der Bedürfnisse im Wertschöpfungsprozess gemessen werden, wodurch Hochschulen einem höheren Wettbewerbsdruck ausgesetzt sein werden. Letztendlich werden die Erwartungen der Studierenden nur dann erfüllt sein, wenn die Bildungsangebote einen Wert für deren Wertschöpfungsprozess bedeuten, der über die persönlichen Erwartungen der Studierenden hinausgeht.

21. Juli 2018
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